Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz
Bibliotheca Bipontina

 

Reitkunst im 16. und 17. Jahrhundert

Text zur Ausstellung „Historische Pferdedarstellungen aus fürstlichem Besitz in der Bibliotheca Bipontina"

Überlegungen darüber, wie Pferde spezifischen Ansprüchen entsprechend abzurichten sind, gibt es sicherlich bereits seit etwa 5000 Jahren, seitdem Pferde das wichtigste Reittier des Menschen geworden sind.
Schon der griechische Reiteroberst, Politiker und Historiker Xenopohon (430 – 354 vor Chr.) warb –als erster schriftlich tradiert- in seinen Werken „Über die Reitkunst“ und „Pflichten eines Reiterführeres“ für Einfühlung und Verständnis, die Kooperation mit dem Pferd, statt seiner Unterjochung. In welchem Gegensatz stand er zu seinen Zeitgenossen: Man betrachte allein die Angst und Schmerz ausdrückende Mimik der Pferde auf Phidias ( um 450 - nach 430 vor Christus ) berühmten Partheonfries!
Während im Mittelalter und der Renaissance die bildenden Künste vorwiegend Informationen über die zeitgenössische Reitkunst liefern, setzt seit dem 16. Jahrhundert eine wahre Flut von Publikationen ein, die uns mit detaillierten theoretischen Abhandlungen und oft prächtigen Bildbeispielen die damalige Reitkunst lebendig werden lassen.

Ausgangspunkt hierfür war das zu Spanien gehörende Königreich Neapel (1502 – 1714), das sowohl hinsichtlich des Pferdematerials als auch der Reitkunst unter dem Einfluss des Mutterlandes stand. Pompöse Prachtentfaltung in einer alle Lebensbereiche durchziehenden Festlichkeit gehörten zum Lebensgefühl des nun beginnenden Barockzeitalters.
In diesen Zusammenhang wird nun auch die Reitkunst gestellt, die weit über die bloße Fortbewegung eines Menschen auf einem Pferderücken hinausgeht. – Mensch und Tier werden einer strengen Dressur unterworfen, deren Ziel die „stolze“ Haltung von Pferd und Reiter ist. Diese basiert auf dem Spannungsbogen der `Versammlung´, der das schulmäßig gerittene Pferd von den Hinterhufen bis um Maul wie eine elastische Stahlfeder rundet. Hiervon ausgehend befähigt ständiges Gymnastizieren speziell hierfür ausgewählte massige barocke Pferde, Paraderösser mit kurzem Rücken, im Idealfall zu Figuren wie der Levade, der Pirouette, Courbette, etc., die auch heute noch in der `Hohen Schule´zu bewundern sind.
Durch den technischen Fortschritt der Feuerwaffen verlor die vormals für den kriegerischen Nahkampf erforderliche Beweglich-, Wendig-, und Rittigkeit der Pferde ihre praktische Notwendigkeit. Die Dressurübungen der Pferde zeigte man nun bei höfischen Ritterspielen wie Turnieren, Ringstechen und Carrousels , sie wurden als Bestandteil aristoktatischer Prachtentfaltung zum l´art pour l´art. Die Kunst, nicht nur als „bon“ sondern gar als „bel homme“ auf exquisit dressierten Pferden repräsentieren zu können zu erlernen, gehörte nun zum absoluten Muss der Erziehung eines Adeligen.